Die kurze Antwort vorweg: Für eine durchschnittliche Unternehmenswebsite mit 10 bis 20 Seiten bewegen sich die Kosten für eine WCAG-2.1-AA-Nachrüstung meist im Bereich eines niedrigen bis mittleren vierstelligen Betrags, für einen Online-Shop mit Warenkorb und Checkout eher im mittleren bis oberen vierstelligen Bereich. Wer stattdessen einen fünfstelligen Betrag genannt bekommt, sollte nachfragen, welcher Umfang genau dahintersteckt, denn die Spanne hängt fast vollständig vom Ist-Zustand der Seite ab, nicht vom Gesetz selbst.
Werbehinweis: Der Check ist für Sie kostenlos. Die Seite finanziert sich über Prüf- und Umsetzungsaufträge sowie die Vermittlung von Anfragen an geprüfte Web-Agenturen. Details in der Methodik.
Warum die Kostenspanne so groß ist
Der größte Kostentreiber ist nicht die Zielgröße WCAG 2.1 AA, sondern der Abstand der aktuellen Website davon. Eine Seite, die bereits mit einem sauberen, semantischen HTML-Grundgerüst gebaut wurde, braucht oft nur gezielte Nacharbeiten an Kontrasten, Alternativtexten und Formularen. Eine Seite, die stark auf visuelle Effekte, Custom-Widgets und Drag-and-drop-Baukästen setzt, kann dagegen an einigen Stellen einen strukturellen Umbau brauchen, weil sich bestimmte Bedienprobleme sonst nicht sauber lösen lassen.
Ein zweiter Faktor ist der Umfang der interaktiven Elemente. Eine statische Informationsseite mit Text und Bildern ist deutlich günstiger zu prüfen und anzupassen als ein Shop mit Warenkorb, Filterfunktionen, Login-Bereich und Checkout-Prozess, weil jeder dieser Interaktionspfade einzeln auf Tastaturbedienbarkeit und Screenreader-Kompatibilität geprüft werden muss. Details dazu, welche Website-Typen überhaupt unter die Pflicht fallen, stehen im Artikel zum Thema pillar.
Die vier Kostenblöcke im Detail
Audit und Bestandsaufnahme. Am Anfang steht eine Prüfung, die zeigt, wo die Seite heute steht. Ein automatisierter Scan liefert in Sekunden eine erste, breite Übersicht über Kontrast-, Struktur- und Alt-Text-Probleme und ist damit für den Einstieg deutlich günstiger als eine vollständige manuelle Prüfung durch eine Agentur, ersetzt diese bei komplexeren Seiten aber nicht vollständig.
Design- und Kontrastanpassungen. Farbpaletten, Schriftgrößen und Abstände müssen teils nachjustiert werden, damit Kontrastwerte und Lesbarkeit den Anforderungen entsprechen. Bei einem bestehenden, gut dokumentierten Design-System ist das oft eine überschaubare Anpassung, bei einem gewachsenen Design ohne klares System deutlich aufwendiger.
Technische Umsetzung. Tastaturbedienbarkeit, Fokus-Zustände, ARIA-Attribute für komplexe Widgets, verständliche Formularfehler, das ist der Teil, der meist den größten Anteil am Gesamtbudget ausmacht, weil er Entwicklungsaufwand statt reiner Konfiguration bedeutet.
Barrierefreiheitserklärung und Dokumentation. Eine öffentlich zugängliche Erklärung, die den Stand der Barrierefreiheit beschreibt, ist Teil der Umsetzung und mit überschaubarem Aufwand erstellbar, sobald die technische Arbeit erledigt ist.
Zahl: Die Kleinstunternehmen-Ausnahme für Dienstleistungen greift bei unter 10 Beschäftigten und einem Jahresumsatz oder einer Bilanzsumme von höchstens 2 Millionen Euro, für Produkte gilt keine entsprechende Ausnahme.
Zahl: Bei festgestellten BFSG-Verstößen sind Bußgelder bis zu 100.000 Euro möglich, die tatsächliche Höhe richtet sich nach Schwere und Umständen des Einzelfalls.
Wann sich eine Eigenumsetzung lohnt, und wann eine Agentur
Für kleinere Websites mit überschaubarer Interaktionstiefe, etwa eine Unternehmensseite ohne Shop-Funktion, lässt sich ein großer Teil der Arbeit mit einem klaren Fehlerkatalog und einem internen Entwicklungsteam selbst umsetzen. Ein automatisierter Check liefert dafür die Priorisierung, welche Fehler zuerst behoben werden sollten. Bei komplexeren Plattformen mit Checkout, Login-Bereich und individuellen Widgets steigt der Aufwand für eine saubere Umsetzung dagegen so weit, dass eine spezialisierte Agentur oder freiberufliche Fachkraft in der Regel schneller und zuverlässiger zum Ziel kommt als ein internes Team, das sich das Thema erst erarbeiten muss.
Diese Empfehlung gilt nicht uneingeschränkt: Verfügt ein internes Team bereits über Erfahrung mit WCAG-Umsetzungen, etwa aus vorherigen Projekten, kann auch eine komplexere Seite intern wirtschaftlich umgesetzt werden. Umgekehrt kann selbst eine einfache Seite eine externe Unterstützung rechtfertigen, wenn intern schlicht die Kapazität fehlt, das Thema neben dem Tagesgeschäft zuverlässig abzuarbeiten.
Seriöse Angebote erkennen und Folgekosten vermeiden
Ein seriöses Angebot beginnt mit einer Bestandsaufnahme, nicht mit einem Pauschalpreis nach einem kurzen Blick auf die Startseite. Wer vor jeder Prüfung schon eine feste Summe nennt, hat entweder sehr viel Erfahrung mit vergleichbaren Seiten in derselben Baukasten-Software, oder er kalkuliert grob über den Daumen und mit Sicherheitsaufschlag. Ein Angebot, das die einzelnen Kostenblöcke aus dem vorigen Abschnitt einzeln ausweist, Audit, Design, technische Umsetzung, Dokumentation, lässt sich leichter mit einem zweiten Angebot vergleichen als eine einzelne Pauschalsumme. Ein weiteres Warnsignal ist ein Angebot, das eine hundertprozentige rechtliche Absicherung verspricht: Eine technische Umsetzung nach WCAG 2.1 AA reduziert das Risiko erheblich, sie ist aber eine technische Leistung, keine rechtliche Garantie. Diese Einordnung selbst ist eine technische Einschätzung, keine Rechtsberatung, für eine verbindliche Bewertung des eigenen Einzelfalls bleibt der Weg zu einer Fachanwältin oder einem Fachanwalt für IT-Recht der richtige Ansprechpartner.
Ein häufig unterschätzter Punkt bei der Kalkulation: Barrierefreiheit ist kein Zustand, der nach der Erstumsetzung dauerhaft erhalten bleibt, sondern muss bei jeder inhaltlichen und gestalterischen Änderung mitgedacht werden. Ein neu eingefügtes Werbebanner ohne Alternativtext, ein neues Formularfeld ohne Label, ein neues Farbschema mit zu geringem Kontrast, jede dieser Änderungen kann eine bereits konforme Seite wieder aus der Spur bringen und im schlechtesten Fall eine kostenpflichtige Nachbesserung nach sich ziehen. Wer diese Prüfung als festen Bestandteil des Freigabeprozesses für neue Inhalte etabliert, statt sie einmalig abzuhaken, spart auf Sicht deutlich mehr als der ursprüngliche Umsetzungsaufwand gekostet hat.
Fazit
Die Kosten für eine barrierefreie Website hängen fast vollständig vom Ist-Zustand und der Interaktionstiefe der Seite ab, nicht von einer festen gesetzlichen Vorgabe. Ein erster automatisierter Check zeigt vor jeder Budgetentscheidung, wie groß die Lücke tatsächlich ist, und verhindert damit sowohl unnötig hohe Angebote als auch eine Unterschätzung des realen Aufwands.